Interview mit Okuvision-Geschäftsführer Dr. Alfred Stett
Dr. Alfred Stett, Geschäftsführer der Okuvision GmbH, prägte die Entwicklung der transkornealen Elektrostimulation (TES) von den frühen Forschungsideen bis zur Anwendung am Patienten. Im Interview berichtet er, wie es 2007 zur Gründung von Okuvision kam, welche technischen und klinischen Herausforderungen die Entwicklung einer alltagstauglichen Therapie mit sich bringt, was ihn persönlich motiviert, welche Vision er für die Zukunft sieht und wie Fertigung und Studien organisiert sind. Das Gespräch gibt einen authentischen Einblick in den Weg von der Neurostimulation zur evidenzbasierten Versorgung.
Wie kam es zur Gründung von Okuvision?
Die Okuvision wurde 2007 von der Retina Implant AG gegründet. Damals gab es erste Hinweise, dass die Elektrostimulation im Auge einen positiven Effekt hat auf den Erhalt von Netzhautzellen. So hat die Retina Implant, die einen implantierbaren elektronischen Chip für Blinde entwickelt hat, damals beschlossen, auch eine Therapie, die ohne Netzhautimplantat neuroprotektiv wirken sollte, zu entwickeln.
Was fasziniert dich im Bereich der Augenheilkunde? Wie kam es zu dem Thema?
Ich kam zu dem Thema Augenheilkunde über dieses Netzhaut-Implantat. Zu der Zeit damals, das war 1996, hatte ich gerade meine Doktorarbeit am Max-Planck-Institut in Martinsried/München beendet und an der Universität Ulm in Physik promoviert. Dabei hatte ich mich beschäftigt mit der Kopplung von Chips, wie sie im Computer verwendet werden, mit Nervenzellen. Der Hintergrund waren Fragen zu Braincomputer-Interfaces. Ich habe sehr viel mit Nervenzellen von Blutegeln auf Silizium-Chips experimentiert und grundlegende Fragen zur Elektrostimulation untersucht. Dann war meine Doktorarbeit zu Ende und zu der Zeit hatte das Netzhaut-Implantat-Projekt hier in Tübingen und Reutlingen begonnen. Ich habe mich beworben, wurde genommen und begann als Post-Doc an der Augenklinik in Tübingen und hatte dann bald ein eigenes Labor am NMI in Reutlingen, wo ich die Elektrostimulation im Zusammenhang mit dem Netzhautimplantat fortsetzen konnte. So kam ich zu dem Thema „Elektrostimulation in der Augenheilkunde“.
Was für Herausforderungen gab oder gibt es seit der Gründung von Okuvision?
Es gab und gibt eigentlich immer noch zwei Herausforderungen. Zum einen ist es die Frage, wie man die Netzhaut elektrisch stimulieren kann, ohne ins Auge einzugreifen. Es ging also primär darum, einen Neurostimulator und Elektroden zu entwicklen, die sicher in der Anwendung und für Patienten einfach anzuwenden sind. Das ist eine Herausforderung – technisch und regulatorisch.
Und die zweite ist die Krankheit, die wir therapieren, die in ihrem Verlauf sehr langsam ist. Patienten mit Retinits Pigmentosa haben oft über längere Zeit überhaupt keine Veränderungen und dann manchmal ganz schnell. Das heißt, wenn man eine Therapie entwickelt, die für eine Krankheit gedacht ist, die sich sehr langsam verschlechtert oder verläuft, hat man immer die Herausforderung, wie man den Effekt der Therapie auf diesen Krankheitsverlauf messen kann. Und das stellt uns heute immer noch vor die Herausforderung, geeignete Methoden – in klinischen Studien sagt man geeignete Endpunkte – zu haben, die geeignet sind, die Wirkung der Elektrostimulation eindeutig nachzuweisen.
"Meine Vision ist, die Okuvision so weit zu bringen, dass Okuvision eine Therapie weltweit anbieten kann, die evidenzbasiert funktioniert und damit für viele Menschen verfügbar ist, die von entsprechenden Krankheiten bedroht sind."
Dr. Alfred Stett, Geschäftsführer der Okuvision GmbH
Was motiviert dich Okuvision weiterzubringen?
Das ist eine sehr gute Frage. Mein Ansatz war es immer, an etwas in meinen Augen Sinnvollem teilzuhaben, bei dem man die Möglichkeit hat Ideen aus der Forschung in die Entwicklung und dann in die Anwendung zu bringen.
Sehen ist ein sehr wichtiger Sinn. Wir Menschen nehmen ungefähr 80 Prozent der Sinnesinformationen über das Sehen auf. Wenn man überlegt, was es bedeutet, blind zu werden, dann sind die Auswirkungen ja sehr extrem. Jeder kann mal versuchen sich ein paar Stunden mit geschlossenen Augen in seiner Umwelt zurechtzufinden, das ist eine beeindruckende Erfahrung. Es ist dann eine sehr motivierende Aufgabe etwas zu entwickeln, das tatsächlich in die Anwendung geht als Therapie für Menschen, die an einer Krankheit leiden, die zur Erblindung führen kann.
Was für eine Vision hast du für die Zukunft von Okuvision?
Ich denke, Okuvision hat die Fähigkeit und die Möglichkeit die Therapie so weiterzuentwickeln, dass sie für viele Menschen einen Nutzen hat. Und meine Vision ist, die Okuvision so weit zu bringen, dass wir eine evidenzbasierte Elektrostimulationstherapie weltweit anbieten können und damit für viele Menschen verfügbar ist, die von degenerativen Netzhauterkrankungen betroffen sind. Dabei wollen wir nicht nur bei Retinitis pigmentosa bleiben, sondern auch herausfinden, ob die transkorneale Elektrostimulation auch bei Glaukom und altersbedingter Makuladegeneration wirksam ist.
Wie wurde die OkuStim®-Therapie und das Gerät entwickelt?
Wenn man ein Medizinprodukt entwickelt, das Energie in den Körper einbringt, muss man zunächst ein Gerät entwickeln, das sicher ist in der Anwendung. Das muss man dann in Labortests und später in klinischen Studien nachweisen. Die Okuvision hat relativ schnell nach Gründung einen Prototypen entwickelt, mit dem man klinische Studien durchführen konnte. Und so hat das erste Produkt schon 2011 das CE-Kennzeichen bekommen. Dann kamen weitere Studien hinzu, um die Sicherheit und auch die therapeutische Wirkung der Anwendung nachzuweisen.
Der Weg zu einem neuen Medizinprodukt beginnt damit, dass man von Anforderungen, die sich aus der Therapie und der praktischen Anwendung heraus ergeben, ausgeht und einen Entwicklungsplan für ein Medizinprodukt für eine bestimmte Zweckbestimmung erstellt. Was muss das Produkt alles erfüllen? Welche Normen müssen eingehalten worden? Wie kann man Funktionen überprüfen und nachweisen, dass alle Normen eingehalten sind und dass Funktionen und Sicherheit auch in der Anwendung gewährleistet sind? Die Entwicklung des neuen OkuStim-Systems mit Mechanik, Elektronik, Firm- und Software erfolgte nach unseren Vorgaben durch einen Entwicklungspartner. Dann geht es immer auch um die Bewertung von Ergebnissen aus klinischen Studien, in denen man Sicherheit, Funktion und Nutzen des Medizinprodukts überprüft hat. Am Ende steht dann die Überprüfung und Bestätigung der Konformität des Produktes mit den Regeln der Medizinprodukteverordnung durch eine benannte Stelle und die CE-Kennzeichnung des Produkts.
Wie und wo wird das Gerät aktuell hergestellt?
Das OkuStim-System besteht aus drei Komponenten. Zum einen die Elektroden, die direkt aufs Auge aufgesetzt werden. Sie bestehen aus einem dünnen Silberfaden mit entsprechenden Kontaktierungen und sind für den einmaligen Gebrauch vorgesehen. Diese Elektroden stellen wir selbst hier in unseren Firmenräumen im Technologiepark Tübingen-Reutlingen her. Wir haben da hohe Ansprüche an Sauberkeit und Qualität. Das können wir am besten in unseren eigenen Räumen erfüllen. Und dann das eigentliche OkuStim-Gerät selbst, der Neurostimulator, der den Strom für die Stimulation liefert. Das bauen wir hier zusammen aus Komponenten, die wir zugeliefert bekommen. Wir bauen das Gerät auf, prüfen es und geben es dann für den Verkauf frei. Dann gehört noch eine Software dazu, die für die Programmierung des Geräts und für die Erfassung von Patientendaten in der Klinik verwendet wird.
Welche oder was für Studien wurden zur OkuStim®-Therapie durchgeführt und was waren die Ergebnisse?
Die allererste Studie, die sogenannte EST 1-Studie an der Augenklinik in Tübingen, wurde schon sehr früh durchgeführt, schon bevor das CE-Kennzeichen da war. Da ging es darum, überhaupt eine Idee zu bekommen, was man mit Elektrostimulationen bei Retinitis pigmentosa erreichen kann. Damals namen nur 24 Patienten an der Studie teil und man konnte zeigen, dass das Gesichtsfeld sich verbessert. Dann folgte eine zweite Studie in Tübingen, die EST 2, in der über 30 Patienten ein Jahr lang die TES erhielten und 20 Patienten eine Plazebo-Stimulation. Da hat man positive Effekte gesehen im Elektroretinogramm (ERG), also bei der Funktion der Fotorezeptoren. Die Ergebnisse beim Gesichtsfeld waren jedoch nicht eindeutig. Wir konnten aber in einer Nachanalyse der Ergebnisse zeigen, dass bei entsprechend starker Stimulation sich das Gesichtsfeld langsamer verschlechtert wie in der Kontrollgruppe. Ein Verlangsamung der Progression bedeutet ja, dass die Abnahme der Sehkraft verlangsamt wird und der Zeitpunkt, an dem der Sehverlust das tägliche Leben ernsthaft beeinträchtigt, in die Zukunft verschoben wird.
Dann gab es noch die europaweite TESOLA-Studie. Dabei wurde explizit die Sicherheit der Anwendung bei fast 100 Patienten, die die OkuStim-Therapie ein halbes Jahr lang zuhause anwendeten, untersucht. Dabei gab es keine ernsthaften Nebenwirkungen. Die häufigste Nebenwirkung ist, dass Patienten trockene Augen bekommen. Das kann man aber mit Augentropfen sehr gut verhindern oder behandeln. Es sind aus allen klinischen Studien, die bislang zur Elektrostimulation am Auge durchgeführt wurden, keine häufigen Nebenwirkungen außer diese trockenen Augen bekannt. Mittlerweile haben ungefähr 500 Patienten mit Retinitis pigmentosa in den Studien teilgenommen und haben zusammen insgesamt mehr als 3.000 Stunden die transkorneale Stimulation durchgeführt. Es gab keine sogenannten „Severe Adverse Events“ (SAE), also Nebenwirkungen die man auch hätte melden müssen, so dass die Transkorneale Elektrostimulation heute allgemein als sicher gilt.
Was jetzt noch fehlt ist der Nachweis des Langzeitnutzens, also ob die Therapie auch über mehrere Jahre hinweg dazu führt, dass der Krankheitsverlauf deutlich verlangsamt wird. Diese Frage wird seit 2021 in einer Studie untersucht, an der 17 Augenkliniken in ganz Deutschland teilnehmen. Es wurden über 140 Patienten eingeschlossen, die alle drei Jahre stimulieren. Diese sogenannte Erprobungsstudie wird im Frühjahr 2026 abgeschlossen sein, die bewerteten Ergebnisse werden irgendwann 2027 vorliegen. Wir hoffen natürlich und gehen davon aus, dass dieser Nachweis erbracht wird. Dann werden Kosten für die Therapie von den Krankenkassen übernommen.
Wie bekannt ist die Elektrotherapie bei RP und was sollte sich da ändern?
Die Elektrostimulation bei RP und anderen Netzhauterkrankungen ist schon sehr lange in verschiedenen Ländern bekannt, allerdings gibt es ganz wenige aussagekräftigen klinische Studien mit eindeutigen Ergebnissen. In Deutschland haben wir mit unserer OkuStim®-Therapie eine hohe Bekanntheit bei Patienten – durch unsere eigenen klinischen Studien und nicht zuletzt auch durch die Zusammenarbeit mit Patientenverbänden. Das gilt auch für die Schweiz, wo wir auch sehr viele Anwender haben. Durch die Studien und das Angebot für Selbstzahler sind wir sehr gut vernetzt mit Augenkliniken.
Leider ist so, dass noch nicht alle Augenärzte von der Therapie wissen. Da sind wir dran. Wir sind immer mehr auf Messen unterwegs. Wichtige Kommunikationskanäle sind die sozialen Medien wie LinkedIn, Instagram und Facebook, sodass wir Bekanntheit stetig zunimmt und die Verfügbarkeit der Therapie noch besser bekannt wird.
Und was muss sich noch ändern? Natürlich die Kostenübernahme durch die Krankenkassen, damit die Betroffenen die Therapie nicht selbst bezahlen müssen.
Was für eine Resonanz erhaltet ihr von Patienten und von Partnern oder Ärzten?
Wir bekommen viele Rückmeldungen von Patienten, auch sehr viele Fragen nach Anwendung und Sicherheit, Verfügbarkeit, zur Dauer und Kosten der Behandlung. Das Interesse ist groß, da es ja sonst auch keine andere Therapie für Menschen mit Retinitis Pigmentosa gibt.
Einige Patienten, die die Therapie länger anwenden, berichten uns, dass sie durch die Therapie oder unmittelbar am Anschluss an eine Stimulation besseres Kontrastsehvermögen haben, die Sehschärfe also besser ist. Diese subjektiven Erfahrungen wollen wir in einer weiteren Studie genauer untersuchen. Generell haben wir einen guten Eindruck von der Akzeptanz der Therapie bei Patienten. Wenngleich man natürlich auch sagen muss, dass nicht alle Patienten im gleichen Maße von der Therapie profitieren, wie es bei allen Therapien der Fall ist, und mit dem bisherigen Gerät nicht alle gut zurechtgekommen sind.
Wir sind mit Ärzten im Austausch, die uns von dem nach wie vor ungedeckten Bedarf an einer Therapie bei Retinitis pigmentosa berichten. Und Ärzte sagen uns auch, dass sie noch nicht ganz überzeugt sind von der Therapie, wenngleich auch ihnen Patienten rückmelden, dass sie einen Nutzen haben. Ich denke, dass sich die Akzeptanz bei den Ärzten ändern wird, wenn die große Studie, die in Deutschland läuft, den Langzeitnutzen der Therapie belegt. Dann wird die Nachfrage nach der OkuStim®-Therapie zunehmen und die Therapie noch mehr an Akzeptanz gewinnen.
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7. Oktober 2024
Leitlinie 045/23: Elektrostimulation bei RP
DOG, RG und BVA nennen Elektrostimulation als Therapieoption bei Retinitis pigmentosa und verweisen auf die G-BA-Erprobungsstudie.
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