Retinitis pigmentosa: Therapiemöglichkeiten im Überblick
Welche Optionen es gibt – realistische Ziele, Stellenwert der TES-Therapie (OkuStim®) und Abgrenzung zu Gen- und Reha-Ansätzen.
Therapieziele: Was realistisch erreichbar ist
Retinitis pigmentosa (RP) lässt sich heute nicht heilen. Die wissenschaftliche Literatur empfiehlt, Therapie und Versorgung auf drei Ziele auszurichten:
(1) den Funktionsverlust zu verlangsamen
(2) Komplikationen (z. B. Linsentrübung, Makulaödem) leitliniengerecht zu behandeln und
(3) die Lebensqualität durch Reha und Hilfsmittel zu sichern. Diese Ziele spiegeln die aktuelle Evidenz- und Versorgungslandschaft wider.1
Diagnostik zuerst: Wer profitiert von welcher Option?
RP ist erblich und genetisch vielgestaltig. Eine genetische Abklärung kann die Weichen für die Therapie stellen (z. B. Prüfen einer Gentherapie bei bestimmten Mutationen), hilft bei der Beratung und erleichtert den Zugang zu Studien. Gleichzeitig gilt: Nur ein kleiner Anteil der Betroffenen hat heute eine zugelassene Gentherapie-Option (z. B. RPE65-assoziierte Formen).1
Wichtig für Verlaufskontrollen: Bei RP nimmt das Gesichtsfeldareal typischerweise exponentiell ab; Studien berichten durchschnittliche jährliche Rückgänge (ADR) im Bereich von ~5–17 % – abhängig u. a. von Messmethode und Ausgangsniveau. Daher sollten Messungen nach Möglichkeit standardisiert (gleiches Verfahren, ähnliche Bedingungen) wiederholt werden.
TES (OkuStim®) in Studien – kurz erklärt
Was ist TES? Die transkorneale Elektrostimulation (TES) stimuliert die Netzhaut über schwache Wechselströme an der Augenoberfläche. Ziel ist die Aktivierung zellulärer Schutzmechanismen, um vorhandene Sehfunktion länger zu erhalten.
Was sagt die klinische Evidenz?
Eine interventionell randomisierte 12-Monats-Auswertung mit monokularer Anwendung (wöchentlich, 30 Min.) zeigte: Der Verlust des Gesichtsfeldareals (VFA) war im behandelten Auge geringer als im Partner- bzw. Sham-Auge; zudem bestand eine Dosis-Wirkungs-Beziehung (höhere Stromstärke → stärkerer Effekt). Verträglichkeit: In den publizierten Analysen wurden überwiegend milde, vorübergehende Beschwerden beschrieben (z. B. Trockenheit der Augen); schwere therapiebedingte Ereignisse waren nicht typisch, ein stromstärkenabhängiger Anstieg schwerer Ereignisse wurde nicht beobachtet.3
FAZIT: TES heilt RP nicht, kann aber laut Studien den Gesichtsfeldverlust verlangsamen. Ob TES für Sie geeignet ist, klären Sie mit Ihrem Augenarzt – inklusive Zielen, geeigneter Stromstärke und standardisierten Kontrollen.2,3
Abgrenzung: Weitere Therapierichtungen in der Forschung
Gentherapie (z. B. RPE65) – für wen geeignet?
Für eine kleine Subgruppe mit RPE65-Mutationen ist eine Gentherapie verfügbar; für die Mehrzahl der RP-Formen existiert noch keine zugelassene Option. Hier sind klinische Studien entscheidend, die Wirksamkeit und Sicherheit neuer Ansätze prüfen.1
Optogenetik, Zellersatz, Implantate – was ist in Studien?
Optogenetische Verfahren, zellbasierte Therapien und Netzhautimplantate werden wissenschaftlich untersucht. Sie sollen die Netzhautfunktion reaktivieren oder ergänzen – bislang überwiegend im Studienkontext mit enger Indikationsstellung.4
Behandlung von Begleiterkrankungen & Reha
Unabhängig von krankheitsspezifischen Therapien sollten Begleiterkrankungen (z. B. Katarakt, Makulaödem) leitliniengerecht behandelt werden. Gleichzeitig ist Low-Vision-Rehabilitation zentral, um Mobilität, Arbeitsfähigkeit und Teilhabe zu erhalten. Studien beschreiben eine erhebliche Belastung im Alltag (psychosozial, beruflich, wirtschaftlich) – Reha, Hilfsmittel und Beratung sind daher früh sinnvoll.1
Was heißt das konkret für Betroffene?
- Ziele festlegen: Wollen Sie die Funktion erhalten, den Alltag erleichtern oder beides? Sprechen Sie offen über Prioritäten.1
- Messbar bleiben: Vereinbaren Sie regelmäßige, standardisierte Kontrollen (Gesichtsfeld/Perimetrie, ggf. OCT; möglichst gleiche Strategie/Geräte). So werden Veränderungen vergleichbar.2
- TES prüfen: Bei erhaltener Netzhautfunktion kann TES (z. B. mit OkuStim®) eine Option sein – mit Hinweis auf dosisabhängige Verlangsamung des VFA-Verlusts und günstiger Verträglichkeit in Studien.2,3
- Gentherapie selektiv: Prüfen Sie genetische Befunde (z. B. RPE65). Für viele andere Formen sind aktuell Studien die Brücke zu neuen Therapien.1,4
- Ganzheitlich denken: Reha & Hilfsmittel (Kontrast/Beleuchtung, Vergrößerung, Orientierung/ Mobilität, digitale Assistenz) gehören fest zur Versorgung und können die Lebensqualität spürbar stabilisieren.1
Referenzen
1 Cross N et al. Retinitis Pigmentosa: Burden of Disease and Current Unmet Needs. Clin Ophthalmol. 2022;16:1993–2010.
2 Stett A et al. Transcorneal electrical stimulation dose-dependently slows the visual field loss in RP. Transl Vis Sci Technol. 2023;12(2):29.
3 Jolly JK et al. Transcorneal Electrical Stimulation for the Treatment of Retinitis Pigmentosa: A Multicenter Safety Study (TESOLA). Ophthalmic Res. 2020;63(3):234–243.
4 McClements ME et al. Optogenetic Gene Therapy for the Degenerate Retina: Recent Advances. Front Neurosci. 2020;14.
5 Allen PJ. Retinal prostheses: Where to from here? Clin Exp Ophthalmol. 2021;49:418–429.
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